Gott hat keinen (!) wunderbaren Plan für dein Leben – zum Glück!


 

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich in einem Gottesdienst saß und den Prediger folgenden Satz sagen hörte: „Gott hat einen wunderbaren Plan für dein Leben“. Irgendetwas in mir wurde durch den Satz angesprochen. Es war diese Sehnsucht, dass mein Leben nicht vergebens und dem Zufall ausgesetzt sein sollte. Wenn es einen Plan geben würde, eine höhere Idee, einen Part, den ich zu übernehmen hätte, wenn es eine Aufgabe gäbe, die nur ich lösen könnte – dann wollte ich in diese Richtung gehen. Denn schon immer hatte ich eine Abneigung gegenüber einem Lebensstil, der einfach alles an sich raffte, nur um das Loch in der Seele zu stopfen. Dabei hatte ich Menschen beobachtet, die sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen verhalten haben. Für mich war klar, dass ich lieber einen direkteren Weg zum Sinn des Lebens gehen wollte – ohne zu viel Enttäuschung und ohne zu viel Schaden anzurichten. Daher wollte ich das mit dem Plan für mein Leben genauer wissen. Also fing ich an – wie man das ja in der Kirche lernt – in der Bibel zu suchen. Dieser Prediger hatte mir leider nicht gesagt, aus welchem Bibeltext er herausgefunden hatte, dass Gott wirklich einen Plan für mein Leben hat. Es dauerte einige Zeit, eigentlich sogar sehr viel Zeit, bis ich schließlich folgenden Vers gefunden hatte: „Der Mensch erdenkt sich seinen Weg, aber Gott lenkt seine Schritte“ (Sprüche 16,9). Auf diesen Vers baute ich meine ganze Hoffnung: Ich werde von Gott geführt und folge damit seinem Plan, seinem Drehbuch für mein Leben. Die Herausforderung bestand lediglich darin, den Plan „lesen“ zu können. Im religiösen Jargon redet man davon „Gottes Willen zu erkennen“. Und je eifriger man versucht, Gottes Willen zu erkennen, desto unglaublich blöder und lebensfremder kann das werden. Da sucht man nach gewissen „Zeichen“ oder nach bestimmten Bibelstellen, die einem sagen, welchen Beruf man nehmen sollte – oder sogar mit welcher Frau man das Leben verbringen sollte! In einem Buch las ich einen Witz über diese Art Entscheidungen zu treffen: Ein Mann sagte zu Gott, dass wenn die Frau, die er liebte, sich neben ihm auf eine Bank im Park setzen würde, sie die richtige fürs Leben sei und er sie heiraten würde. Leider war die Bank frisch gestrichen und die beiden kamen nie zusammen. In einer bestimmten Situation meines Lebens fragte mich ein Mädel ob ich glaubte, dass es Gottes Wille sei, dass wir zusammenkommen würden. Das war für mich der Punkt, an dem ich langsam Zweifel darüber bekam, ob dieses ganze Denken mit „Zeichen“, „Gottes Willen“ und vor allem dem über alles stehenden „Plan“ wirklich so stimmen konnte. Mir schien es nach einer Weile so, als ob ein bestimmter Schlag von Mensch einfach Angst hat, Fehler zu machen und sie lieber „Gottes Willen“ folgten, denn dann konnten sie ja keine Fehler machen. So war sicher gestellt, dass man den richtigen Beruf, den richtigen Wohnort, das richtige Auto und natürlich die richtige Frau findet. Und eine Ehe „im Willen Gottes“ kann folglich nicht scheitern. Ich gehörte nach einer Zeit nicht mehr zu diesen Menschen, denn ich machte bittere Fehler. Und irgendwie merkte ich, dass es nur eine Sache gibt, die schlimmer ist als der Fehler an sich: die Angst, Fehler zu machen! Diese Angst nimmt Menschen gefangen und bringt sie dazu, Dinge im Leben kontrollieren zu versuchen, die man nicht kontrollieren kann.

 

Ich hatte weiter in der Bibel gelesen und kam noch weiter hinten an eine andere Stelle: „Wir sind Gottes Meisterstück, geschaffen in Christus, zu guten Werken, die er selber vorbereitet hat.“ (Epheser 2,10) Ich weiß nicht, wie gut ich diesen Vers verstanden habe, allerdings hat mir mein Freund Kolja geholfen. Er selber ist Künstler und hat mir einiges darüber erklärt. Beispielsweise die Sache mit dem Potential. Ich als Laie sehe lediglich Pinsel, Farben und Leinwand. Er als Künstler sieht aber bereits das fertige Bild vor seinem inneren Auge. Er als Künstler kann sehen, was aus einer weißen Leinwand werden kann. Dieser Bibelvers behauptet jetzt, dass wir Menschen beides sind: Wir sind Kunstwerk und Künstler. Demnach ist es Gott, der unsere Werke vorbereitet. Er stellt uns Farben, Pinsel und die Leinwand. Er unterstützt uns wo es geht, aber wir sind diejenigen, die das Bild malen sollen. Unsere Kreativität ist gefordert. Gott gibt uns die Freiheit unser eigenes Leben zu leben. Er hat uns Talente, Leidenschaften und spezifische Lebensumstände gegeben. Nun liegt es an uns daraus etwas zu machen. Diese Sicht ist sicherlich gefährlich. Denn so haben wir keine Garantie, dass unsere Entscheidungen immer richtig sein werden und unser Leben ohne Fehler verlaufen wird. Vielmehr ist es sehr wahrscheinlich, dass wir Fehler machen werden, dass Schaden entsteht und Enttäuschungen verursacht werden. Denn jetzt sind wir selber verantwortlich. Aber dennoch besteht jetzt eine Hoffnung: Denn das Leben folgt jetzt keinem Plan mehr, es geht jetzt darum, dass etwas schönes, liebeswertes, lebenswertes und wunderbares entsteht. Und dieser Gott, der uns zum Leben freisetzt, der ist es, der uns unterstützt, der mitmacht und uns begleitet. Gott ist die Inspiration meines Lebenswerkes. Er hat Spaß daran. Ich jetzt auch.

30.1.11 11:39

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