wegrennen ist keine Alternative

Weglaufen ist keine Alternative

 

An einem Samstag fuhren wir zu einem Abenteuerspielplatz. Ein Kindheitstraum, allerdings nicht für mich. Schon damals interessierte ich mich mehr für Fußball. Zum Glück durfte ich einige meiner Freunde mit auf den Familienausflug nehmen. Und als dann auch noch direkt neben dem Abenteuerspielplatz ein riesiger Fußballplatz war, begann der Nachmittag doch noch interessant zu werden. Der Fußballplatz war zwar besetzt, denn es spielten zwei richtige Mannschaften, viele Zuschauer standen um die Bande herum und es gab eine Menge zu sehen. Ich war gerade einmal groß genug um über die Bande zu gucken, doch dann stellte sich dieser Schrank von einem Dreizehnjährigen hinter mich. Er war bestimmt eine Kopf größer und mindestens doppelt so schwer. In einem unvergesslichen Tonfall befahl er, mir zur Seite zu gehen, er könnte nichts sehen. Ich erwiderte erst einmal, er solle selber zur Seite gehen. Jetzt  wurde er etwas wütend und knurrte mich an, ich soll das Maul halten. Als ich mich dann aber umdrehte und zu ihm hochguckte, entschloss ich mich selber einen anderen Platz zu suchen. Ein paar Meter weiter rechts war dann auch eine Stelle frei und die Sache schien gegessen. Aber einen Augenblick später hörte ich wieder die bekannte Stimme. Er stand wieder hinter mir und maulte, nichts sehen zu können. Meine Güte, ich wollte keinen Ärger, erst recht keine Prügelei. Damit hatte ich kaum Erfahrung und die Ausgangslage war außerdem mehr als ungünstig. Als ich mich umdrehte und ihm gerade genervt erklären wollte, dass er mich gefälligst das Spiel angucken lassen soll – bemerkte ich, dass er nicht alleine war. Jetzt hat er drei Gorillas dabei. Meine Freunde kamen mittlerweile auch dazu, allerdings waren sie eher Hemdchen gegen den Kotzbrocken und seine Söldnertruppe. Ein Blick genügte und meine Freunde signalisierten mir, dass sie die Lage einschätzten wie ich. Die Jungs mochten älter und stärker sein, doch würden wir schneller sein. Daher nahmen wir reiß aus. Wir mussten ungefähr 500 Meter laufen, dann würde meine Mutter das Problem lösen. Erwartungsgemäß waren wir schneller. Unsere Verfolger waren sehr unbeholfen, allerdings stieg ihre Wut mit jedem Meter, den sie jetzt rennend zurücklegen mussten. Dann fanden wir meine Mutter. Wir waren gerettet. Und während wir keuchend verschnauften, ergoß sich ein Schwall von tadelnden Worten über unsere Verfolger. Meine Mutter faltete die Truppe so richtig zusammen. Das werde ich nie vergessen – ebenso wie das Gefühl von eigenem Versagen. Wir hatten noch nicht einmal versucht zu kämpfen. Wir hatten klug gehandelt, aber feige.

 

Seit diesem Samstag hat es in meinem Leben viele Situationen gegeben, in denen ich vor der Wahl stand, wegzurennen oder mich einem Kampf zu stellen, den ich vielleicht verlieren würde. Die Situationen waren total unterschiedlich. Öfter stellte ich mir die Frage, ob es in einer bestimmten Situation nicht besser wäre, in eine andere Stadt zu ziehen und mir neue Leute zu suchen. Auch in meinem Job gab es solche Phasen, in denen ich mir vornahm, etwas anderes zu machen. In meinem Bekanntenkreis kam es mehr als einmal vor, dass Menschen sagten, sie müssten aus einer Beziehung flüchten. Aber was alle diese Situationen gemeinsam hatten war, dass mir oder anderen die Hoffnung gefehlt hat, dass sich etwas ändert. Manchmal waren diese Situationen recht undurchsichtig. Denn die Flucht sah hier weniger aus wie ein Wegrennen, es war eher wie ein Aufgeben. Und wenn man aufgibt, dann dauert es nicht lange und man trifft Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben anderer zu weniger machen, als es sein sollte. Man verkauft sich unter dem Wert. Da gehen Menschen Beziehungen mit Partnern ein, wo jeder – einschließlich der Betroffenen – weiß, dass diese Geschichte weder halten wird, noch sonderlich glücklich verlaufen wird. Aber die Hoffnung fehlt, dass jemand besseres ins Leben treten wird. Manche Leute treffen solch haarsträubende Entscheidungen, dass es wirklich weh tut. Mich macht so etwas traurig. Ich habe Leute vom Knast abgeholt und direkt in die Drogenszene gehen sehen. Weil sie nicht glaubten, dass ihnen geholfen werden kann. Einer hat es vorgezogen, auf der Straße zu leben, weil er nicht glaubte, dass etwas in seinem Leben anders werden kann.

 

Meine Vermutung ist, dass wir Menschen wissen, dass wir uns mit weniger zufrieden geben, als möglich und notwendig wäre. Und daher glaube ich ebenfalls, dass wir alle mit dem Gefühl des Versagens umherziehen. Das ist unser Lohn dafür, feige zu handeln. Allerdings muss das nicht sein!

 

Mir hat hier ein gewisses Umdenken geholfen. Und zwar half mir folgender Gedanke: Das einzige, was du an deiner Situation ändern kannst, bist du selber! Wenn das wahr ist, dann ist weglaufen keine Alternative, denn egal wohin ich fliehe, ich nehme mich immer selber mit. Und nach einer kurzen Zeit wird das Problem wieder neu entstehen. Mich inspiriert hier eine kurze biblische Geschichte aus 2.Samuel 23. Zugegeben, diese Geschichte hört sich sehr nach Mel Gibson an (wer unter 16 ist, bitte nicht weiterlesen): „Einst kämpfte Eleasar gegen die Philister. Nachdem das ganze Heer Israels die Flucht ergriffen hatte, tötete er Philister um Philister, bis seine Hand zu müde war, um sein Schwert zu heben. So schenkte der Herr den Israeliten an jenem Tag einen großen Sieg. Sie kehrten um und sammelten die Beute ein.“ Wenn einer hätte fliehen sollen, dann Eleasar. Die Schlacht war schon verloren, alle hatten das begriffen. Außerdem bäumte sich keiner mehr auf. Alle rannten weg. Was muss in dem Kopf von Eleasar vorgegangen sein? Was hat er sich gedacht? Glaubte er, er könnte alle Philister bekämpfen und besiegen? Ich denke nicht. Das wäre naiv gewesen. Allerdings hatte Eleasar eine Entscheidung getroffen. Er konnte seine Situation nicht verändern. Er hatte keine Möglichkeit, sein Kameraden zum bleiben zu überreden. Er war der letzte, der einzige, der übriggeblieben ist. Nein, die Umstände waren nicht zu verändern. Er hatte nur Einfluss darauf, wie er sich entscheiden würde. Und er entschied sich dazu, lieber zu sterben, als aufzugeben. Er wollte leben, allerdings nicht als Sklave einer barbarischen ausbeuterischen Nation. Vielleicht dachte er an seine Kinder, sollten sie als Sklaven leben? Was war mit seiner Frau? Eleasar traf hier eine Grundsatzentscheidung: Er würde nicht so leben wollen, er würde kein Leben akzeptieren, dass von Flucht, Unterdrückung, Gefangenschaft und Ungerechtigkeit gekennzeichnet sein würde. Daher war dieses Schlachtfeld mehr als nur ein Kriegsschauplatz. Hier entschied sich Eleasar, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnte. Vielleicht liegt hier der Schlüssel. Wer gefunden hat, wofür es sich zu leben lohnt, der wird auch dann nicht wegrennen, wenn es ans sterben geht.

 

Eine Geschichte, die ich eigentlich nicht erzählen darf. (Daher bleibt die Geschichte unter uns, lieber Leser). In einer Unterrichtsstunde wurde eine Durchsage gemacht. Alle Lehrer hätten sich in der Pause dringend im Lehrerzimmer zu versammeln. Als ich im Lehrerzimmer eintraf, waren die meisten anderen Lehrer bereits da. Die Schulleitung wirkte sehr betroffen und nervös. Ein Polizist war anwesend. Und wurde berichtet, dass die Polizei einen Hinweis bekommen hatte, dass es an diesem Tag einen Amoklauf an einer Schule des Stadtteils geben solle. Leider betraf das nur unsere Schule und eine weitere. Eine Woche vorher hatten wir bereits auf einer Toilette Kritzeleien entdeckt, die sehr stark in diese Richtung gingen. Der Amoklauf wurde für 10 Uhr angekündigt. Was dann im Lehrerzimmer los war, kann man sich vielleicht denken. Es entstand eine rege Diskussion. Letztlich sollte der Unterricht weitergehen und keiner der Schüler sollte etwas erfahren. Die Polizei nahm vor dem Eingang Stellung, was mich weniger beruhigte, da es dutzende Stellen auf dem Gelände gab, die man alternativ benutzen konnte. Bevor es wieder losging, ging ich auf die Toilette um mich zu sammeln. Ich musste eine Entscheidung treffen. Und hier ging es um mehr, als um die Frage, ob ich jetzt einfach gehen sollte. Die Frage war, ob es die Sache wert war. War es die Sache wert, jetzt herauszugehen, mein Bestes zu geben und die Schüler zu unterrichten. Wenn es die Sache nicht wert sein sollte, dann würde ich mir die nächsten paar Jahrzehnte bis zur Rente etwas vormachen. Denn dann würde ich etwas leben, das es nicht wert ist, gelebt zu werden. Ich ging aus der Toilette in den Unterricht. Dafür bin ich gemacht. Es lohnt sich. Ach, und nebenbei. Ein Schüler der anderen Schule wurde verhaftet. Zum Glück, dann ich habe das Gefühl, dass Gott noch etwas mit meinem Lehrerdasein vor hat. Es gibt noch viel zu tun, zu erleben und zu gewinnen. Es ist das Gefühl, ein Stück mehr gefunden zu haben, wofür es sich zu leben lohnt.

 

 

 

 

 

12.2.11 10:49

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