Das Vater unser erklärt (Mt 6,5-15)

Dieser Abschnitt gehört wohl zu einem der bekanntesten Verse der Bibel. Heute noch beten Millionen von Menschen diesen Text als Teil der Liturgie im Gottesdienst. Viele haben angemerkt, dass Jesus hier keine Gebetsschablone vorgegeben hat, die wir nun einfach zu kopieren haben. Viele sehen in dem Vater unser vielmehr eine Zusammenfassung wichtiger Leitlinien für das Gebet. Wiederum fällt auf, dass Jesus hier die Vertrautheit einer Vater-Kind-Beziehung als Ausgangspunkt des Gebets wählt. Das Gebet ist also kein Tauschgeschäft oder ein Mittel, um Gott zu kontrollieren - oder gar zu informieren. Gebet ist in erster Linie Beziehung mit Gott dem Vater. Der Name des Vaters soll „geheiligt“ werden. Wenn man eine Person, eine Erfahrung oder einen Gegenstand als heilig ansieht, dann spricht man äußerste Wertschätzung zu. Diese Person hebt sich von allen anderen ab und ist etwas absolut besonderes. Den Namen Gottes zu heiligen meint genau das, man versucht bewundernde Wertschätzung auszudrücken, dass diese Person unter allen anderen hervorsticht. Denn diese Person ist etwas sehr Besonderes. In der Christenheit der Begriff der „Anbetung“ für diese Form des Gebets durchgesetzt. Und diese ausgedrückte Dankbarkeit bezieht sich vor allem darauf, wer Gott ist. Die Juden haben in dem Namen einer Person sein ganzes Wesen gesehen. Der Wunsch danach, dass Gottes Reich kommen soll, wird von Jesus im nächsten Satz genauer bestimmt. Die vielleicht beste Definition für das Reich Gottes ist, dass Gottes Wille auf der Erde realisiert wird, wie es im Himmel schon der Fall ist. Und dieser Wunsch ist ein gefährlicher Wunsch. Denn wenn Gottes Reich kommen soll, dann muss es bei mir anfangen. Dann muss Gottes Wille zunächst in meinem Leben realisiert werden. Wer diesen Satz unter diesem Gesichtspunkt betet, der wird sich für Veränderung öffnen. Dann kann man nicht mehr so bleiben, wie man ist. Natürlich haben die Juden mit diesem Satz auch die Hoffnung verbunden, dass der Messias kommen wird, um als König aufzutreten und von Israel ausgehend die Welt gerecht regieren würde. Damit zusammen fällt auch die Hoffnung, dass es ein großes Gericht geben wird, in dem Gott für Gerechtigkeit sorgt. Unser tägliches Brot hängt natürlich mit davon ab, ob wir unseren Lebensunterhalt erarbeiten oder nicht. Aber heute wie damals spielen hier viele viele Faktoren eine Rolle, die wir nicht in der Hand haben. Das Bewusstsein um diese Abhängigkeit macht demütig und Dankbar für Gottes Fürsorge. Bemerkenswert ist, dass wir uns nicht scheuen brauchen, unsere Bedürfnisse und Anliegen Gott zu sagen. Auch wenn Gott alles weiß, kann das ein Ausdruck von Vertrautheit und Nähe sein. Dann schneidet Jesus das durchaus sensible Thema der Vergebung an. Vielleicht ist die beste Art, diesen Abschnitt zu sinnvoll verstehen, ihn auf das Empfangen von Vergebung zu beziehen. Gottes Vergebung durch Jesus ist universell, d.h. das Blut Jesu hat für alle Sünden aller Menschen ausgereicht (vgl. Kol 1,20). Allerdings können wir Menschen unser Herz für Vergebung unempfänglich machen. Es kann auch sein, dass Menschen Dinge erlebt haben, die sie für Vergebung unempfänglich gemacht haben oder es zunächst unmöglich machen, anderen zu vergeben. In jedem Fall gibt es aber eine gewisse Verbindung zwischen unserer Bereitschaft und Kapazität, anderen Menschen zu vergeben und unserer Kapazität, Gott Vergebung empfangen und erfahren zu können. Jesus erklärt dieses Prinzip in V.14+15. Es ist möglich, dass Gottes Vergebung an uns abprallt, weil sie keine Haftung in unserem Herzen finden kann. Die Bitte nach Erlösung von dem Bösen kann zweierlei bedeuten. Zum einen kann sich die Erlösung von dem Bösen auf äußere Umstände beziehen. Dann meint es die Bitte, äußere Versuchungen und Dinge, die zur Sünde verleiten können, fern zu halten. Zum anderen kann sich die Bitte aber auch auf eine innere Erlösung beziehen. Vielleicht gibt es Dinge im Leben, vielleicht Sünden und Charakterschwächen, in denen man sich gefangen fühlt. Die bitte nach Erlösung ist damit der Wunsch, sich von diesen Dingen zu lösen. Befreiung ist dabei nie ein passiver Vorgang, bei dem wir einfach bitten und Gott den Rest tut. Vielmehr arbeitet Gott mit uns zusammen, so dass unser Herz anders wird, unsere Gewohnheiten anders werden, so dass sich ein neuer Charakter bildet.

12.8.11 21:58

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen